Der vergessene Mai: Als Zielona Góra in Tränengas versank.
Voices of ResistanceGrünberg

Der vergessene Mai: Als Zielona Góra in Tränengas versank.

Von: Redaktion Talking Cities. Oft wird die Geschichte des polnischen Widerstands gegen den Kommunismus als chronologischer Sprung erzählt. Von den Maschinengewehren, die im Juni 1956 in den Straßen von Poznań gegen Arbeiter und Studenten gerichtet wurden, springt die Erzählung direkt zu den Werftstreiks in Gdańsk im Jahr 1970. Doch in diesem Vakuum von vierzehn Jahren liegt ein tiefer und häufig ignorierter Riss. Die Verteidigung des Katholischen Hauses (Dom Katolicki) war ein Ereignis, das sich am 30. Mai 1960 in Zielona Góra abspielte – einer Stadt im Westen Polens, etwa fünf Stunden von Warschau entfernt. Sie zählte damals etwas mehr als 54.000 Einwohner. Dieser historische Moment war kein Arbeiterstreik für Brot, sondern etwas weitaus Komplexeres: eine erbitterte Verteidigung der zivilen Autonomie gegenüber einem Staat, der versuchte, die totale Kontrolle über das gesellschaftliche Leben zu erlangen.

Der Kontext

Der Kontext

Um diesen Moment zu verstehen, muss man ihn in seinen realen Kontext einordnen: Die Ereignisse in Zielona Góra waren kein isolierter Vorfall, sondern der Höhepunkt eines „eisernen Frühlings“, der nur wenige Wochen zuvor bereits in Kraśnik und Nowa Huta zu Ausbrüchen geführt hatte. Die Regierung des Ersten Sekretärs der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR), Władysław Gomułka, war 1956 mit dem Versprechen einer Ära des Friedens an die Macht gekommen. Dokumente des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) enthüllen jedoch, dass der „polnische Weg zum Sozialismus“ in Wirklichkeit ein autoritärer Rückschritt im Gewand einer Reform war. Das Katholische Haus war nicht nur ein Backsteingebäude, das der Staat unter administrativen Vorwänden verstaatlichen wollte; es war ein gesellschaftlicher Schwerpunkt. Mit seinen Theatersälen und Versorgungsräumen repräsentierte es die letzte Lunge einer Stadt, die sich weigerte, von der offiziellen Ideologie erstickt zu werden. Seine Verteidigung war im Wesentlichen der erste große Kampf um das Recht auf Stadt und Gemeinschaftseigentum im Nachkriegspolen.

Ein taktisches Labor

Ein taktisches Labor

Am 30. Mai erhoben sich fast 5.000 Bürger gegen die neue Ordnung der Partei. Alles begann mit einer Gruppe von Frauen, die den Eingang des Gebäudes blockierten. Was folgte, war eine Eskalation, die das Regime als taktisches Labor nutzte. Die Ereignisse um das Katholische Haus in Zielona Góra dienten der 1956 gegründeten ZOMO (Zmotoryzowane Odwody Milicji Obywatelskiej) als Feuertaufe für ihre Rolle als Einheit zur gesellschaftlichen Kontrolle und Arm der städtischen Besatzung. Dabei demonstrierte sie ihre Macht in einem völlig unverhältnismäßigen Ausmaß: 1.300 Einheiten chemischer Kampfstoffe (der erste massive Einsatz von Tränengas), 5.000 Teilnehmer (eine überwältigende Zahl für die damalige Demografie) und Arbeiterwiderstand. Obwohl der Auslöser religiöser Natur war, war von den 333 Verhafteten die große Mehrheit Arbeiter aus den örtlichen Fabriken. Die Klassensolidarität formierte sich, um einen Raum der Freiheit zu verteidigen.

Die erste Generalprobe

Um dem Ereignis sein politisches Gewicht zu nehmen, brandmarkten die Behörden die Demonstranten als chuligani (Hooligans oder Vandalen). Diese von der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) konstruierte Darstellung war kein Zufall. Indem der Staat den Protest als Straßenvandalismus kriminalisierte, versuchte er, dessen Legitimität auszulöschen. Die Haftstrafen von bis zu fünf Jahren bezweckten nicht die Bestrafung öffentlicher Ruhestörung, sondern sollten eine klare Botschaft senden: Der Waffenstillstand von 1956 war offiziell vorbei. Das Schweigen, das über Jahrzehnte hinweg auferlegt wurde, war der Beweis für den Erfolg – und die Angst – des Regimes. Was sich 1960 am Katholischen Haus in Zielona Góra ereignete, war die erste Generalprobe der modernen Repression. Dort entdeckte das Regime, dass es eine Stadt informationstechnisch isolieren und den Dissens zerschlagen konnte, bevor er auf den Rest des Landes übergriff. Wenn man heute das symbolische Wandgemälde oder das Denkmal für Pater Kazimierz Michalski betrachtet, lautet die Frage für den Bewohner eines modernen Europas nicht nur jene nach dem Glauben, sondern nach dem Eigentum am öffentlichen Raum. Wem gehört die Stadt? 1960 entschieden die Bürger von Zielona Góra, dass sie nicht der Partei gehörte – und sie zahlten den Preis dafür, sich daran zu erinnern.